Interview mit Hans-Ulrich Treichel vom 23.10.2019

Interview 23.10.19 Hans-Ulrich Treichel

Lieber Herr Treichel – Wie wird man eigentlich Schriftsteller?

Das kann man pauschal gar nicht beantworten. Aber eigentlich ist der Normalfall, dass man autodidaktisch anfängt, selbst auszuprobieren. Es gibt, glaube ich, keinen vorgezeichneten Weg.

Man wird Schriftsteller, weil man einen Zwang verspürt, nicht nur ein Interesse, sondern auch eine Lust oder auch eine Art Notwendigkeit, das machen zu müssen. Das ist, glaube ich, die wichtigste Voraussetzung.

Ob man sich dann mit Leuten zusammensetzt oder ob man es alleine macht, wie auch immer. Alleine geht es sowieso nicht allzu lange, irgendwann muss man das, was man schreibt, irgendjemandem zeigen. Da entscheidet sich auch vieles in dieser Phase, wenn man die Dinge rausgibt.

Schwieriger ist es, wenn man es Freunden gibt, das ist immer so eine Sache. Die suchen dann oft nach biografischen Sachen. Außerdem ist es schwer, objektiv zu sein und sie loben einen aus Freundschaft, obwohl man es gar nicht verdient hat, nur weil sie nett sind. Wenn man etwas schreibt, dann ist eine kritische und neutrale Instanz wichtig.

Wie sind Sie Schriftsteller geworden?

Ich habe das, glaube ich, lange weggedrückt, weil ich ja Germanistik studiert habe und dabei das Gefühl hatte, dass ich mich mit diesem Wunsch eigentlich gar nicht konfrontieren kann, angesichts der Germanistischen Bibliothek. Aber ich habe trotzdem gemerkt, dass ich da einen Schreibimpuls habe, das war dann eben Lyrik. Ich habe in den ersten Jahren nur Gedichte geschrieben. Und das war irgendwie anstrengend und auch mit der Angst besetzt, das nicht zu können. So habe ich mich dann herangetastet.

Hatten Sie irgendwann den Gedanken, „Der Verlorene“ gar nicht zu veröffentlichen?

Nein. Nein, das hatte ich nicht. Ich hatte ja schon zwei Erzählbände gemacht. Ich habe jetzt auch nicht von großen Erfolgen oder irgendwelchen Übersetzungen geträumt, aber mir war klar, dass ich es so, wie ich es gemacht habe, machen wollte.

Was genau hat Sie dazu bewegt Ihre Geschichte zu veröffentlichen? Was hat Ihnen gesagt, dass die Welt Ihre Geschichte braucht?

Naja, dass die Welt das braucht, was man schreibt… Also erst einmal ich habe es gebraucht. Ob das von Interesse ist, das muss ein anderer sagen. Wichtig ist, dass das, was man schreibt, ein gewisses handwerkliches Niveau besitzt. Aber was eine Geschichte für die Welt wert ist, das ist ganz schwer zu beurteilen. Man kann eigentlich nur für sich schreiben, weil man es einfach für sich braucht und dann hoffen, dass es auch für andere irgendeine Bedeutung bekommt.

Das Buch ist ja teilweise autobiografisch. Wie fühlt es sich an, dass so viele Menschen über Ihre persönliche Geschichte Bescheid wissen?

Das freut einen, wenn der Text Leser findet. Aber ein Effekt ist nicht unbedingt, dass sie dann meinen, viele intime Dinge über den Autor zu wissen, sondern sie vergleichen es eigentlich mit eigenen Erfahrungen. Ich habe oft Menschen erlebt, die bestimmte Lebensatmosphären wiedererkannt haben. Leute meiner Generation, aber manchmal auch jüngere.

Im Buch wird auch die NS-Zeit thematisiert, entspricht der fiktive Charakter des Freiherrn von Liebstedt der historischen Figur Otmar von Verschuer?

Eigentlich wird sie gar nicht thematisiert.

Und den kenne ich gar nicht.  Ich glaube, das sind die blinden Treffer der Literatur, in gewisser Weise. Ich muss gestehen, ich habe mich damit nicht besonders befasst.

Also haben Sie das Gefühl, dass man oft viel mehr in Ihre Werke hineininterpretiert, als Sie ausdrücken wollten?

Hineininterpretieren, das klingt so negativ. Ich glaube, es gibt bedeutungsauslösende Trigger in so einer Erzählung, die dann auf Realität treffen und darüber dann beschrieben werden können. Dieses intuitive Wissen des Autors, dazu gibt es oft faktische Bezüge in der Wirklichkeit, die aber keine direkten Quellen sein müssen. Aber die Autoren sind, glaube ich, viel nachlässiger. Die machen da eher so ein Schrotschussverfahren und irgendwo trifft es dann. Der Text weiß manchmal mehr als der Autor.

Passiert es Ihnen ab und zu, dass Sie die Realität in Ihren Gedanken mit Ihrer Geschichte vermischen?

Manchmal ja. Wenn ich so nah an diesem Stoff arbeite, dann kann das passieren.

Merken Sie, dass Ihre Vergangenheit Sie bis heute beeinflusst oder verfolgt oder begleitet?

Ja, im Positiven wie im Negativen. Im Positiven hat es mir Stoff geliefert, Erzählstoff und mich zu einer literarischen Auseinandersetzung inspiriert. Es gibt insgesamt vier Bücher, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen. Im Negativen spüre ich, dass ich zum Beispiel ein gewisses Mitgefühl mit meinen Eltern habe, das jetzt zu spät kommt. Ich hätte das gerne früher gewusst, dann hätte ich mit ihnen darüber sprechen können.

Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass Ihr Buch jetzt Abiturlektüre ist?

Das finde ich ganz fantastisch.

Auch wenn Sie wissen, dass viele der Leser es unfreiwillig lesen müssen?

Man wünscht sich natürlich, dass sich alle freiwillig der Literatur zuwenden, aber trotzdem habe ich mich gefreut, als ich das erfahren habe, weil es eine Wertschätzung des Buches ist. Bei den Schülern wird man sehen ob sie es wertschätzen, aber auch bei den pädagogischen Instanzen, die dafür verantwortlich sind. Weil, das bilde ich mir zumindest ein, das Buch damit einen gewissen Stellenwert in der Literatur hat. Auch von der Thematik her, weil das Buch auch ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte erzählt. Ich freue mich, dass überhaupt Gegenwartsliteratur gelesen wird. Das Buch ist zwar auch schon 20 Jahre alt, aber der Autor lebt zumindest noch.

Welchen Tipp würden Sie den Abiturienten 2021 für das schriftliche Deutschabitur geben?

Sie können sich immer auf den Autor berufen, also auf alles, was ich heute Abend gesagt habe. Da muss man aber auch sagen, der Text weiß manchmal mehr als der Autor. Das wirkt jetzt wie so eine magische Sache, aber ein bisschen ist es ja so. Und es ist kein historischer Roman im Sinne einer Rekonstruktion von einem wirklich stattgefundenen Geschehen insgesamt. Es ist zum Teil fiktional und zum Teil autobiografisch. Und darüber hinaus exemplarisch, weil es ein Fall von hunderttausenden ist, der aus der Perspektive eines Kindes nacherzählt wird.

Das Buch spielt in der Kind- und Jugendzeit des Ich-Erzählers – wie sehen Sie denn die heutige Jugend?

Über ganze Kollektive zu werten, ist immer falsch. Heute zum Beispiel haben sich mehr Frauen gemeldet als Männer und haben auch mehr gefragt, offenbar haben sie mehr Mut gezeigt. Ich habe da erst einmal Sympathie, muss ich sagen. Das Schreiben hält manchmal auch ein bisschen jung. Man wird oft zurückversetzt in eigene Lebensphasen und versteht mehr.

Werden Sie manchmal auf der Straße erkannt und angesprochen?

Nein, nie. Doch, einmal, in meinem Bio-Laden in Berlin. Das war kurz, nachdem die Verfilmung von „Der Verlorene“ im Fernsehen lief. Da fragte mich der Händler: „Sie sind doch Herr Treichel!?“

Mini-Fragen

Goethe oder Schiller?

Goethe

Goethe oder Treichel?

Goethe

Goethe oder Kafka?

Kafka

Frühling oder Herbst?

Frühling

Blau, Rot oder Gelb?

Blau

Kaffee oder Tee?

Kaffee

Wein oder Bier?

Bier, das hat mehr Flüssigkeit (lacht)

Lieblingsschulfach?

Deutsch

Lieblingsbuch?

Abschied von den Eltern (Peter Weiss)

Lieblingsautor?

Peter Weiss

Lieblingstier?

Hund

Lieblingsreiseziel?

Capri

Lieber Herr Treichel, wir danken Ihnen vielmals für das Interview!

Das Interview führten Larissa und Kim. Die Fotos stammen von Biju.

Wal

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